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Virtuelle Gesprächsrunde: Sport-Sorgen zu Corona Zeiten

Virtuelle Gesprächsrunde: Sport-Sorgen zu Corona Zeiten

Franziska Baum im Online Austausch mit Thüringern Sportvereinen des Breiten- und Jugendsports

„Es lebe der Sport. Er gibt uns Kraft, er gibt uns Schwung.“ Wir alle kennen die Bedeutung des Sports für unser Leben. Aber die Corona-Pandemie hat das Sportleben in einen Dornröschenschlaf versetzt. Und auch wenn die Sportstätten noch nicht ganz unter den Dornenhecken verschwinden, so stellt sich doch die Frage: Wie können wir es schaffen, dass der Breitensport aus dem Corona-Schlaf sicher und achtsam wieder erwachen kann?
Mit dieser und weitere Fragen im Kopf habe ich am 7. April Akteure aus den Thüringer Sportvereinen zu einem virtuellen Gespräch geladen. Der Austausch war sehr interessant und konstruktiv. Und am Ende riefen die Sportverbände nicht wie erwartet nach schnellen Öffnungen. Nach dem Motto „as safe as possible“ stellten sie ihre Strategien für eine sichere Öffnung des Sportbetriebs vor.

Reginald Hanke berichtet aus dem Sportausschuss des Deutschen Bundestags

Reginald Hanke ist Abgeordneter der FDP-Bundestagsfraktion aus Thüringen und als solcher Mitglied im Sportausschuss des Deutschen Bundestags.  Auch er war bei der Gesprächsrunde dabei und berichtete über die politische Diskussion zum Sport auf Bundesebene. „Wir sprechen gerade jetzt auch viel über Doping, weil durch die Pandemie die Überwachung nicht so engmaschig erfolgen kann.“, gibt Reginald Hanke Einblicke in die Sportausschuss-Sitzungen des Bundestages.

Ein Thema sind aber auch die Herausforderungen, denen sich die Vereine in finanzieller Hinsicht gegenüber sehen. Viele Sportfreunde treten aus den Vereinen aus. Um das zu verhindern, erlassen viele Vereine ihren Mitgliedern die Beiträge. Das ist eigentlich mit dem Vereinsrecht nicht vereinbar. Denn Mitgliedsbeiträge sind keine Entgelte für erbrachte Leistungen, wie zum Beispiel Trainingseinheiten. Werden diese einfach erstattet, droht der Entzug der Gemeinnützigkeit. Glücklicherweise hat der Bundesgesetzgeber dafür bereits 2020 eine Regelung getroffen. Ohne die Gemeinnützigkeit des Vereins zu gefährden, können Vereine bis zum 31. Dezember 2021 in „coronabedingten Einzelfällen“ auch ohne entsprechende Regelungen etwa in der Satzung Beiträge reduzieren oder erstatten. Die FDP-Fraktion hatte dazu alle Vereine angeschrieben und informiert.

Sorge ums Geld aber auch um ehrenamtliche Helfer prägen derzeit den Vereinssport

Im weiteren Verlauf des Gesprächs ging es vor allem um die Sorge, wie lange die finanziellen Reserven der Vereine noch reichen. Michael Schneider, Schatzmeister des SV Wartburg-Stadt Eisenach e. V. weist auf eine nicht unwesentliche Lücke bei den Finanzierungshilfen hin: „Vereine, die keine Profis oder hauptamtlichen Angestellten haben, fallen bei den Corona-Hilfen durchs Raster. Für uns gibt es keine Möglichkeit, etwas vom Corona-Sondervermögen der Landesregierung abzubekommen. Dabei haben auch wir Fixkosten zu tragen.“ Hier fühlen sich die Vereine und die ehrenamtlich Verantwortlichen, die teilweise privat haften, von der Landesregierung vergessen.

Sein Vorschlag: Warum werden die noch verfügbaren Mittel nicht einfach pauschal an die Vereine verteilt? Die jeweilige Höhe ließe sich über einen entsprechenden Schlüssel über die Mitgliederzahl und die Anzahl der ehrenamtlichen Übungsleiter berechnen. „Die Politik würde damit Wertschätzung ausdrücken und den Vereinen Hoffnung schenken.“, bestätigt Thomas Fritsche vom USV Jena. Der Verein ist mit seinen 3.000 Mitgliedern und den 10.000 Sportlern und Studenten einer der größten Thüringer Sportvereine. In der Förderlogik der Coronahilfen ist der USV aber kein Unternehmen, sondern ein Verein und kämpft sich nun mit Steuerberatern durch die Antragsbürokratie.

Ehrenamt zurückgewinnen und für Anerkennung guter Lösungen streiten

Besonders deutlich wurde auch, dass die Angst vor dem Rückgang der Ehrenamtlichen Helfern doch am schwersten wiegt. Dazu sagt Silvio Beer, Sportjugendkoordinator im Kreissportbund Nordhausen: „Die Vereine stehen vor einer schwierigen Situation, wenn es wieder losgeht. Etliche Ehrenämtler haben in der jetzt verordneten Ruhezeit neue Tätigkeiten gefunden. Sie haben festgestellt, dass sich die Zeit nach der Arbeit auch anders herumkriegen lässt. Oder sie haben die Samstag mit der Familie genossen. Diese dann wieder zu motivieren, das wird eine große Herausforderung sein.“

„Gerade die kleinen Vereine, die sich um Kinder- und Jugendsport kümmern, werden unter dem Mitgliederrückgang besonders leiden.“, erläutert Michael Schubert Vertreter des Jenaer Schwimmsports. „Diese bestreiten ihre Aufwendungen vor allem über die Mitgliedsbeiträge oder über Sponsorengelder bei Veranstaltungen. Finden keine Veranstaltungen und Wettkämpfe statt, fallen auch Einnahmen weg.“ Es braucht also eine Motivationsoffensive sowohl für die Sportlerinnen und Sportler als auch für die ehrenamtlichen Akteure.

Immerhin erbringen die 60.000 Ehrenamtlichen und freiwillig Engagierten eine jährliche Arbeitsleistung von 9,5 Millionen Stunden. Das ist eine Wertschöpfung von 143 Millionen Euro im Jahr. Und dabei handelt es sich um eine unbezahlbare Leistung für den Zusammenhalt, die Integration und die Solidarität in unserer Gesellschaft.

Inklusion im Sport steht still

Besonders im Behindertensport sorgt die Corona-Pandemie für Stillstand. Beim SV Wartburgstadt musste die Sparte „Behindertensport“ über Corona komplett einstellen. Ob sie wiederbelebt werden kann, ist ungewiss. Sven Baum, Sprecher für Para Karate vom Thüringer Karate Verband kritisierte die Unsicherheiten in der Corona-Politik gerade im internationalen Vergleich. Für die ParaKarate-Sportler stehen in 14 Tagen die Europameisterschaften in Kroatien und die Paraolympischen Spiele im Sommer an. Jetzt wurde bekannt, dass die lettischen Sportler bereits im Februar vollständig geimpft wurden. In Deutschland ist davon noch lange nichts zu sehen. Wie solle man sich da fair messen? „Die Sisyphusarbeit der letzten Jahre auch in der Inklusionsarbeit ist einfach so dahin.“, sagt Sven Baum. Für ihn ist die Präsenz gerade bei den großen prominenten Sportereignissen wichtig, um die Para-Sportler und die Para-Sportarten sichtbar zu machen.

Und was machen wir jetzt?

Ich habe aus dem zweistündigen Austausch viele Impulse mitgenommen. Alles in allem sind es keine übergebührlichen Forderungen, die die Sportvereine aufstellen. Es geht ihnen schlicht und einfach um angemessene finanzielle und moralische Unterstützung, damit sie weiterhin ihren bedeutsamen gesellschaftlichen Beitrag leisten können.

Wir werden weiter im Gespräch bleiben. Ein Termin für ein nächsten Gespräch wird schon gesucht. Und für die Wiedereröffnung des Sports behalte ich die genannten Herausforderungen im Auge.

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