Es ist denkbar schlechteste Idee, Sozialkunde abzuwerten

 

 

Sehr geehrte Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Gäste, liebe Sozialkundelehrer, es gibt was zu tun, wie Sie hören. Es ist ja schon viel darüber gesagt worden, dass wir, wenn wir hier über die Schulordnung, über die Stundentafel und über die angebliche Kürzung dazu sprechen, quasi auf einem Gerücht diskutieren. Das scheint aktuell irgendwie Niveau der politischen Debatte zu sein, weil das haben wir in
vielen anderen Bereichen auch: Wir reden über Sachen, die noch gar nicht wirklich fertig sind, die momentan diskutiert werden.

(Zwischenruf Abg. Henfling, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Dann können Sie den Ball mal sehr flach halten, Frau Baum!)

Die Frau Baum hält den Ball immer sehr flach, die war in Sport nicht so besonders.

Nichtsdestotrotz: Wenn wir über politische Bildung sprechen, müssen wir in Thüringen schon relativ ehrlich in den Spiegel gucken. Im Ländervergleich – das hat eine Studie der Uni Bielefeld zumindest festgestellt – stehen wir beim Thema „Politische Bildung“ relativ weit hinten, was die Kontinuität der politischen Bildung angeht. In der gymnasialen Stundentafel haben wir 1,5 Prozent für politische Bildung zur Seite gestellt – kann man sagen – oder reserviert. Aber ohne der Uni Bielefeld an der Stelle zu nahe zu treten, macht die Uni an der Stelle, glaube ich, den gleichen Fehler, den wir hier auch in der Diskussion machen, indem wir so tun, als ob Sozialkunde mit politischer Bildung im Schulunterricht gleichzustellen ist. Das ist eine Detailansicht.

Es ist also ein Fach, das sich unter anderem auch – wie zum Beispiel auch Geschichte oder Geografie oder selbst Deutsch und auch Ethik und Religion und alles – mit politischer Bildung auseinandersetzt. Solange wir nicht genau wissen, wie eigentlich mit den anderen Fächern in dieser Stundentafel umgegangen wird, über die wir hier auch noch sprechen könnten, macht diese Diskussion nicht so richtig Sinn.

Aus unserer Sicht führt diese ganze Diskussion am Kern vorbei, wenn ich ganz ehrlich bin, weil ich es überhaupt nicht für relevant halte, wie viele Fächer wir in der Schule haben oder wie viele Stunden für diese Fächer zur Seite gestellt werden, sondern die Frage muss doch am Ende sein, nicht, wie viele Stunden Sozialkunde hattest du, sondern was hast du denn eigentlich gelernt.

Hast du in zehn Jahren Schulbildung verstanden, wie das politische System der Bundesrepublik Deutschland funktioniert? Und hast du vielleicht auch verstanden, wo es historisch herkommt und was die Grundlagen dafür waren? Und hast du auch verstanden, welche Rolle vielleicht die geografische Lage des Landes
an der Stelle spielt? Und schon allein bei der Fragestellung stellen wir fest, dass es eben nicht nur um Sozialkunde geht, sondern auch um Geschichte und auch um Geografie und noch um viele andere Themenbereiche.

Ich nutze diese Aktuelle Stunde aber gern für einen Appell: Liebe Landesregierung, wenn Sie an der Stundentafel dran sind, dann bitte stecken Sie nicht noch mehr Einzelfächer in Stundenraster. Das ist keine Bitte, die von mir selbst kommt, sondern die höre ich auch von Schulleitungen und Lehrerkollegen. Schaffen Sie in
der Stundentafel Platz – Platz für schuleigene Projekte, für Kooperationen, für den Fokus auf Zusammenarbeit zwischen den Fächern, dass deutlich wird, dass genau das gewünscht ist. Denn das Ziel muss es doch sein, dass wir junge Menschen aus den Schulen entlassen, die in diesem Gesellschaftssystem agieren können, weil sie es verstanden haben, die aber – und da haben wir nämlich noch nicht von Naturwissenschaften gesprochen – auch wissen, was naturgegebene Gesetzmäßigkeiten sind, an denen sie nicht vorbeikommen und die sie auch bei einer Entwicklung eines Gesellschaftssystems berücksichtigen müssen.

Wenn wir uns wieder mehr an den Lernzielen orientieren im politischen Diskurs und den Schulen und Pädagogen das Wie überlassen, dann verlassen vielleicht auch wieder mehr Schülerinnen und Schüler die Grundschule, die lesen und schreiben können. Vielen Dank.

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